Erst Baumrinden essen, dann Menschenfleisch

Nicolas Werth erzählt in “Die Insel der Kannibalen” eine besonders grausame Episode der sowjetischen Geschichte. 6000 Gefangene wurden 1933 in Westsibirien auf einer kargen Insel ausgesetzt. Ohne Nahrung, ohne Saatgut, ohne Werkzeuge.
Als 1987 das berüchtigte “Schwarzbuch des Kommunismus” an die Spitze der französischen Bestsellerlisten katapultiert wurde – und an die Spitzen der italienischen, der deutschen und vieler anderer Bestsellerlisten -, geschah das teilweise, weil der Herausgeber, ein Ex-Trotzkist, darauf aus war, Kontroversen anzufachen, und zum Teil, weil im Vorwort Stalin mit Hitler verglichen wurde. Es beeindruckte aber auch durch seine Länge und Masse. Das “Schwarzbuch” katalogisierte die Verbrechen kommunistischer Regime quer durch Europa, Asien, Afrika und Südamerika – Land für Land, Jahrzehnt um Jahrzehnt, unter Verwendung einer großen Materialbandbreite von Historikern und Quellen. Die Wirkung des Buches war nicht nur durch seine Qualität garantiert, sondern durch die schiere Fülle seiner Details.
In einem solchen Kompendium ging die Bedeutung individueller Geschichten fast zwangsläufig verloren. Vielleicht ist es also nicht überraschend, dass Nicolas Werth – der französische Historiker, der im “Schwarzbuch” das Kapitel über die Sowjetunion schrieb – jetzt beschlossen hat, in “Die Insel der Kannibalen” zu einem Ereignis zurückzukehren, das er in jenem enormen Werk lediglich erwähnt hatte. Er tat Recht, so zu verfahren: Auf seine Art ist dieses schmale brillante Werk – die Beschreibung einer einzelnen Begebenheit – eine genauso machtvolle Verurteilung der kommunistischen Ideologie wie das “Schwarzbuch” selbst.
Die Geschichte, die Werth erzählt, ist nicht völlig neu. Tatsächlich ist die Geschichte von den 6000 sowjetischen Gefangenen, die schließlich auf die leere Insel Nasino im Fluss Ob in Westsibirien deportiert und dort im Stich gelassen wurden – ohne Nahrung und ohne Mittel, sich welche zu beschaffen – schon lange Teil der mündlich überlieferten Geschichte des Gulag gewesen. Berichte über dieses Ereignis zirkulierten sogar schon im Samizdat, der Untergrundpresse, bevor in den späten achtziger Jahren die “Glasnost” begann. 1989 begannen russische Historiker aus der Gegend von Tomsk, Zeugenaussagen von Leuten zu sammeln, die Überlebende getroffen hatten. Sie berichteten von grauenhaften Dingen: davon, wie 4000 Menschen innerhalb von drei Monaten starben, wie der Rest überlebte, indem er Gras, Rinde und endlich Menschenfleisch aß. In der Umgebung wurde die Insel als “Insel der Kannibalen” bezeichnet – daher Nicolas Werths Buchtitel.
Die Geschichte hätte just dies bleiben können: ein Ghoul-Mythos, eine Erzählung, deren Authentizität niemand bestätigen konnte. Aber wie sich herausstellte, gab es Archivdokumente. Eine Untersuchung des Ereignisses hatte am 22. September 1933 stattgefunden. Und 2002 beschlossen Beamte in Westsibirien, die Ergebnisse – die lange geheim gewesen waren – zu veröffentlichen.
Dank der Dokumente ist es möglich, die Geschichte dieser grauenhaften Begebenheit ungewöhnlich detailreich zu erzählen. Dank des umfassenden Wissens von Nicolas Werth ist es außerdem möglich, sie in ihrem Kontext zu sehen. Die 6000 Gefangenen waren, wie er erklärt, natürlich russische Bauern, Opfer einer Kampagne gegen die “Kulaken” – ein Wort, das wörtlich “reicher Bauer” bedeutet, in der Praxis aber jeden in der Sowjetunion einschloss, der auf dem Land lebte und sich der Kollektivierung der Landwirtschaft verweigerte. In den frühen dreißiger Jahren wurden zwei Millionen solcher “Kulaken” von ihren Heimatorten verschleppt und nach Sibirien, Kasachstan und in andere dünn besiedelte Gebiete deportiert.
Wichtiger ist, dass die Gefangenen von Nasino außerdem Teil eines Plans waren, in großem Maßstab Umsiedlungen vorzunehmen. Die kommunistischen Führer der Sowjetunion hatten sich seit den frühen zwanziger Jahren mit der Idee angefreundet, unter Verwendung Gefangener die riesigen, leeren Landflächen des nördlichen Russland zu besiedeln. In den frühen dreißiger Jahren verschaffte ihnen die Kampagne gegen die Kulaken ihre erste Chance, das Experiment auszuführen. Offiziell sollten die 6000 Gefangenen, die auf der Nasino-Insel ausgekippt wurden, eine Kolonie gründen, überleben und gedeihen.
Hier fängt die Geschichte aber an, immer merkwürdiger zu werden. Die neuen “Siedler” wurden ohne Nahrung, Saatgut, Werkzeuge und ohne Unterkünfte zurückgelassen, die ihnen hätten Schutz bieten können. Sofort begannen Leute zu sterben, und das war weithin bekannt: Sowjetische Polizisten, die Mitleid hatten, fuhren nach ein paar Tagen mit Schiffen zu der Insel und warfen den Gefangenen ein paar Säcke Mehl hin, bevor sie hastig die Flucht ergriffen. Tatsache ist, dass niemand – nicht Stalin, nicht Jagoda, keiner – den örtlichen Behörden den Befehl gegeben hatte, tausende Menschen umzubringen. Trotzdem wurden sie ohne Nahrung im Stich gelassen, und Tausende kamen tatsächlich um. Wieso?
Werths Erklärung liefert den kulturellen Hintergrund, indem er darauf hinweist, dass die Sowjetunion der frühen dreißiger Jahre von einer “Kultur der Statistik” regiert wurde. Es war die Ära der zentralen Planung und der Produktionsnormen: Menschen wurden verhaftet, um Quoten zu erfüllen – tatsächlich wetteiferten Chefs der örtlichen Geheimpolizei miteinander, wer die höchste Anzahl von “Volksfeinden” verhaftete. Die Bürokraten, die über das Schicksal der 6000 Gefangenen von Nasino entschieden, sahen sie nicht als menschliche Wesen, sie sahen sie eher wie Stahlstücke oder Kohleklumpen. Werth stellt auch fest, dass Westsibirien in jener Epoche ein echtes Grenzland war, ein “ferner Osten”, in dem die Behörden wenig kontrollierten, die Gesetze nicht wie in Moskau griffen und Ressourcen nicht verfügbar waren.
Werth nennt diesen Landstrich einen Raum “der Willkür und der Gewalt”, wo “jeder bewaffnet ist und das menschliche Leben kaum einen Wert besitzt, wo die Jagd auf den Menschen die Jagd nach Tieren ersetzt hat”. Den örtlichen Behörden bereitete die Ankunft von tausenden Gefangenen jeden Tag – und das Kontingent von Nasino war nur eines von vielen – enorme bürokratische Kopfschmerzen; sie waren voller Sorge. Sie kamen ganz einfach mit den Zahlen nicht zurecht: Es gab keine Möglichkeit, sie unterzubringen oder zu ernähren, keine Möglichkeit, eine dermaßen große Anzahl von verurteilten Verbrechern – für die man sie hielt – auch nur zu bewachen. In dieser Wildnis erschien es simpler, sie auszusetzen und im Stich zu lassen.
Selbstverständlich war diese Tragödie in vielerlei Hinsicht überhaupt nicht ungewöhnlich. Sie ist eine extreme und verkürzte Version dessen, was in den dreißiger und vierziger Jahren mit fünf bis sechs Millionen “besonderer Verbannter” geschah – Kulaken wie Deportierten aus dem besetzten Ostpolen, den baltischen Ländern und anderswo. Viele von ihnen wurden an Orten ausgesetzt, wo sie keine Arbeit fanden. Viele verhungerten, viele wurden krank und starben. Einzigartig ist die Geschichte von Nasino nur in ihrer Intensität – die 6000, die auf der Insel ausgesetzt wurden, starben schneller als die Millionen, die über die wenig bevölkerte Taiga Sibiriens verstreut wurden. Einzigartig ist auch, dass sie so gut dokumentiert wurde und dass man Stalin persönlich über sie informierte. Werth spekuliert, die Geschichte könnte sowjetische Beamte sogar beeinflusst haben, später Institutionen zur Bestrafung einzurichten. Schon bald setzten sie die Zahl jener Gefangenen herab, die in “spezielle Siedlungen” geschickt wurden, um den fernen Osten zu bevölkern, und vergrößerten dafür die Zahl derer, die direkt ins Gulag kamen, das System der Zwangsarbeitslager. Schließlich konnten Stalins Gefolgsleute, die von Produktionsstatistiken besessen waren, die “Verschwendung” guter Arbeitskräfte, wie sie in Nasino stattgefunden hatte, kaum gutheißen.
Einzigartig ist die Geschichte von Nasino auch darin, dass sie glasklar demonstriert, wie hohl die sowjetische Modernitätsrhetorik war. Im Namen des Fortschritts, im Namen neuer Siedlungen, im Namen des Aufbaus des Sozialismus wurden 6000 Menschen dem Kannibalismus überlassen. Es war ein Akt dessen, was Werth “Dezivilisierung” nennt – die Schöpfung nicht etwa einer hellen Zukunft, sondern die Rückkehr einer mittelalterlichen, sogar primitiven Geistesart, die zu verstehen oder zu erklären wir möglicherweise nie imstande sein werden.