“Kein Papst-Wort kommt an das Gift heran, das aus den Mündern radikaler Imame spritzt”

Palästinensische Kämpfer haben bereits mehrere Kirchen im Westjordanland und Gazastreifen angegriffen und zwei davon zerstört. In Somalia haben Revolverhelden eine ältere italienische Nonne erschossen. Radikale Theologen von Khom bis Katar haben – je nachdem – zu einem “Tag des Zorns” aufgerufen oder Gläubige mobilisiert, den Papst und seine Anhänger “zur Strecke zu bringen” oder appelliert, dass die “Anbeter des Kreuzes” ein bitteres Ende finden sollen.
Moderate Politiker – von der Türkei bis nach Malaysia – haben in diesen Chor eingestimmt und die Entschuldigung des Papstes als “unzureichend” verdammt. All das, weil Benedikt XVI. in einer Ansprache an der Universität von Regensburg einen byzantinischen Kaiser zitiert hatte, der vor 600 Jahren den Islam als Glauben bezeichnete, der “mit dem Schwert” verbreitet wurde.
Westliche Reaktionen auf islamische Proteste folgen einem Muster.
Wir sind natürlich schon einmal in dieser Situation gewesen. Ähnliche Proteste entzündeten sich im vergangenen Winter an Karikaturen von Mohammed in der dänischen Presse. Das Resultat damals waren ähnliche Entschuldigungen wie heute, obwohl die Entschuldigung von Benedikt überraschender ist als die der dänischen Regierung. Niemand kann sich an einen Papst erinnern, der sich jemals auf dermaßen spezifische Weise für irgendetwas entschuldigt hätte. Nicht einmal der medienfreundliche Johannes Paul II. hat das getan – auch nicht für die Inquisition, und ganz gewiss nicht für eine einzelne Bemerkung, die vor einem akademischen Publikum in einer unwichtigen deutschen Stadt fiel.
Doch die westlichen Reaktionen auf die muslimischen “Tage des Zorns” folgen einem bekannten Muster. Im vergangenen Winter verteidigten einige westliche Zeitungen ihre dänischen Kollegen, manche gingen sogar so weit, die Karikaturen nachzudrucken – aber andere, unter ihnen der Vatikan, griffen die Dänen an, weil sie provoziert hätten. Einige führende Katholiken haben jetzt den Papst verteidigt – aber andere (unter ihnen bestimmt auch ein paar Dänen) haben sich beschwert, seine Predigt hätte besser vorbereitet oder gar nicht gehalten werden sollen.
Der Westen ist kein Monolith
Lange Analysen dessen, was – blicken wir der Wahrheit ins Auge- eine zutiefst obskure Rede war, zieren längst die Kommentarspalten aller großen Zeitungen der Welt. Einige Kommentatoren scheinen zuinnerst schockiert zu sein, dass der Papst den Katholizismus offenbar anderen Religionen und Konfessionen für überlegen erachtet – als ob dieser Glaube nicht ein integraler Bestandteil seines Jobs wäre.
Selbstverständlich ist es nicht überraschend, dass die Meinungen so auseinanderstreben; im Gegenteil, es ist typisch. Der Westen ist per definitionem kein Monolith. Journalisten, die der Linken zuneigen, identifizieren sich nicht mit ihren rechten (oder rechten katholischen) Kollegen – und ungekehrt.
Nicht alle Katholiken identifizieren sich mit dem Papst
Nicht alle Christen, geschweige denn alle Katholiken, nicht einmal alle deutschen Katholiken identifizieren sich mit dem Papst, und sie wollen ganz gewiss nicht jedes seiner akademischen Zitate verteidigen. Unglücklicherweise bekommen Fanatiker, die Botschaften und Kirchen abfackeln, von solch subtilen Unterscheidungen nichts mit. Und vielleicht hindern solche Subtilitäten uns auch alle daran, eine sinnvolle Antwort auf jene Wellen antiwestlicher Wut und Gewalt zu finden, die in jüngster Zeit die muslimische Welt in periodischen Abständen überschwemmen.
Eine Handvoll von Apologien und ein paar zufällige Mediendebatten – hätte der Papst dieses tun, hätte der dänische Premierminister jenes tun sollen – sind ganz offenbar ineffektiv und irrelevant. Kein radikaler Theologe akzeptiert westliche Entschuldigungen, und keiner ihrer radikalen Anhänger liest westliche Zeitungen. Niemanden in Khom kümmert es, ob sich in Rom, London oder Washington jemand wegen der Syntax Benedikts vor Schmerzen krümmt.
Einigkeit in der Unterstützung von Rede- und Pressefreiheit
Westliche Politiker, Schriftsteller, Intellektuelle und Redner sollten aufhören, sich zu entschuldigen. Stattdessen sollten sie einen Weg finden, wie sie sich gegen die empörende Überreaktion eines Teils – leider des lauteren Teils – der muslimischen Welt vereinen können. Damit meine ich nicht, dass wir uns alle bemühen sollten, diese spezielle Predigt zu verteidigen oder zu analysieren. Das überlasse ich getrost den Experten für byzantinische Theologie.
Aber ganz gewiss können wir uns doch vereinen, um die Rede- und Pressefreiheit zu unterstützen. Und wir können uns auch vereinen, wenn wir gewalttätige, unprovozierte und völlig unakzeptable Angriffe auf Kirchen, Botschaften und ältere Nonnen verurteilen – und zwar laut! Mit “wir” meine ich hier das Weiße Haus, den Vatikan, die Grünen in Deutschland, das französische Außenministerium, die Nato, Greenpeace, “Le Monde” die “FAZ”, den “Daily Telegraph” und Fox News – westliche Institutionen der Rechten, der Linken, der Mitte und von allem, was dazwischen liegt.
Im Fokus: Was der Papst eigentlich gesagt haben sollte
Es ist wahr: Diese Prinzipien klingen ziemlich elementar – “wir sind für Redefreiheit und gegen mutwillige Gewalt” -, aber mir kommt nicht vor, als hätte ich in den Tagen seit der Predigt des Papstes gehört, wie sie verteidigt wurden, jedenfalls nicht in irgendeiner Art von Einstimmigkeit. Viel mehr Zeit wurde auf die Analyse dessen verwandt, was der Pontifex eigentlich sagen wollte oder was er gesagt haben sollte oder was er gesagt hätte, wenn er besser beraten gewesen wäre.
All dies zielt am Thema vorbei, ganz einfach deshalb, weil nichts, was der Papst je gesagt hat, auch nur an das herankommt, was an jedem Tag in der Woche in Europa und der muslimischen Welt an Gift, Extremismus und Hass aus den Mündern radikaler Imame und fanatischer Theologen spritzt.
Warum nicht gemeinsam gegen den Hass?
Nichts davon ruft je irgendwelche westlichen Reaktionen hervor. Und vielleicht sollte sich das langsam ändern: Wenn etwa in Saudi-Arabien Lehrbücher veröffentlicht werden, in denen guten wahabitischen Muslimen befohlen wird, Christen, Juden und alle nicht-wahabitischen Muslime zu hassen – warum sollten eigentlich der Vatikan, die Südstaaten-Baptisten, der Oberrabbiner von Großbritannien, der Zentralrat der Muslime in Deutschland und die lutheranische Kirche das dann nicht verurteilen, und zwar gleichzeitig? Wenn eine Gruppe, die sich selbst “Die Armee der Führung” nennt, jeden Ort, der “für Christen wichtig ist”, zum Ziel erklärt, wie sie es in dieser Woche getan hat – warum sollten schwedische Sozialdemokraten, britische Konservative und spanische Sozialisten eine solche Gefühlsregung dann nicht unisono bedauern?
Vielleicht handelt es sich um einen utopischen Traum: Der Tag, an dem das Weiße Haus und Greenpeace ein gemeinsames Presse-Statement herausgeben, ist fürwahr noch fern. Aber wenn zufällige Kommentare westlicher Meinungsführer regelmäßig Gewalt hervorrufen – um von einer nicht abreißenden Prozession westlicher Filme, Bücher, Karikaturen, Traditionen, Moralvorstellungen und Werte zu schweigen -, dann denke ich, ist es vom Westen nicht zu viel verlangt, dass er endlich aufhört, “Sorry” zu sagen und sich stattdessen wenigstens manchmal zu seiner Selbstverteidigung vereinigt. Die Fanatiker, die den Papst angreifen, schränken schon unter ihren Anhängern die Redefreiheit ein. Ich sehe nicht ein, warum wir ihnen erlauben sollten, nun auch noch unsere Redefreiheit einzuschränken.
Aus dem Englischen von Hannes Stein.