Die Macht der Fußballfans: Spontane Krawalle nach der verlorenen WM 1954 als Vorboten des Ungarn-Aufstands

So sonderbar es klingen mag – aber der erste echte Vorbote des ungarischen Aufstandes waren Ausschreitungen von Fußballfans. Es war im Jahr 1954, dem Jahr der Fußballweltmeisterschaft, in dem die ungarische Mannschaft alle anderen überragte. Die „magischen Magyaren“, wie die britische Presse sie nannte, hatten bei den Olympischen Spielen 1952 die Goldmedaille gewonnen, in London die damals unbesiegbare englische Mannschaft bezwungen und auf dem Weg zum Finale der Weltmeisterschaft Brasilien und Uruguay geschlagen. Fußball war damals die populärste Sportart in Ungarn, und die Kommunistische Partei nahm den Erfolg der Mannschaft voll und ganz für sich in Anspruch: In der Überlegenheit der ungarischen Sportler spiegelte sich klar das überlegene politische System Ungarns.

Doch die ungarische Mannschaft verlor das Finale – und zwar gegen das kapitalistische Westdeutschland. In dieser Nacht kam es in den Straßen von Budapest zu Ausschreitungen. Wütende Fans zerbrachen Schaufenster, verbrannten Sportzeitungen, marschierten zum Haus des Kapitäns der ungarischen Mannschaft und schrien, er solle zurücktreten. Innerhalb weniger Tage waren die Ausschreitungen vorbei. Obwohl kein Wort darüber in der Presse erschien, wurden sie nicht vergessen. „Alle hatten das Gefühl, etwas sei passiert“, schrieb ein Chronist: „Etwas, das eine bestimmte Bedeutung hatte, obwohl es zu früh war zu sagen, welche. Es war ein Ausbruch, ein Ausdruck der Unzufriedenheit, eine Demonstration. Es war etwas Verbotenes, das gut schmeckte.“

Rückblickend scheint es offensichtlich, dass es in Ungarn zu einem Aufstand kommen würde, und es mutet seltsam an, dass er von so wenigen Analytikern von außen vorhergesehen wurde. Zwischen 1948 und 1956 hatte das Land eine Phase unerbittlicher Unterdrückung durchgemacht, der eine Periode der Befreiung und eine weitere Welle der Unterdrückung folgten. Die Führung der Kommunistischen Partei hatte sich in bitteren Machtkämpfen offen entzweit. Der Lebensstandard war niedrig. Die Lockerung der Reisebedingungen hatte zur Folge, dass die Ungarn mitbekamen, wie schnell ihre Wirtschaft hinter die des benachbarten Österreichs sowie Westdeutschlands zurückgefallen war. Das Land besaß eine Tradition des bewaffneten nationalen Widerstandes, die bis 1848 zurückreichte, und eine lange Geschichte politischer Unabhängigkeit.

Die westlichen Staaten hatten theoretisch ein Interesse an dem Aufstand, die offizielle amerikanische Politik unterstützte ihn. 1953 war eine interne Analyse des Weißen Hauses über den Ostblock zu dem Schluss gekommen, dass der „Widerstandsgeist“ in allen Satellitenstaaten der Sowjetunion zu fördern sei. Radio Free Europe, dessen ungarische Abteilung von Emigranten geleitet wurde, brachte Tag und Nacht antikommunistische Sendungen. Weniger bekannt, aber ebenso einflussreich waren andere Bemühungen, zum Beispiel Luftballons, mit denen 300 Millionen antikommunistische Flugblätter über Ungarn verstreut wurden. Die Flugblätter enthielten ermutigende Botschaften wie „Das Regime ist schwächer als ihr denkt, die Hoffnung liegt beim Volk.“

Trotzdem wurde der Westen vom Aufstand selbst völlig überrascht. Aus der Tatsache, dass innerhalb der Kommunistischen Partei Ungarns Machtkämpfe tobten, scheint die CIA nicht gefolgert zu haben, dass Straßenkämpfe bevorstanden. Ganz im Gegenteil hatten interne Analysen noch im Juni 1956 ergeben, dass in Ungarn überhaupt kein aktiver Widerstand zu erwarten war. Offenbar wurden Fußballausschreitungen keine Beachtung geschenkt.

Wegen des Mangels an Vorbereitung waren die Reaktionen des Westens widersprüchlich, als am 23. Oktober die Straßenkämpfe ausbrachen. In Washington überlegte die Administration, ob sie einen „Tag des Gebets“ für die Ungarn ausrufen oder das Rote Kreuz medizinische Versorgung bereitstellen sollte und stellten die Aktivitäten letztlich ganz ein, indem sie bei den Vereinten Nationen Protest einlegten. Das britische Außenministerium riet eindringlich davon ab, irgendetwas zu sagen, das die „Hitzköpfe in Budapest ermutigen könnte“. Am vierten Tag des Aufstandes, dem 27. Oktober, erklärte der US-Außenminister Allan Dulles, die amerikanische Regierung betrachte die osteuropäischen Staaten nicht als „potenzielle Alliierte“. Diese Erklärung wurde dann vom amerikanischen Botschafter in Moskau und schließlich von Präsident Eisenhower selbst wiederholt, damit die sowjetische Führung (die selbst zögerte) es auch ja begriff: Der Westen würde nicht versuchen, aus der Situation Vorteile zu schlagen.

Doch gleichzeitig ging Radio Free Europe zum Angriff über, versorgte seine begierigen Hörer mit Ratschlägen zum Partisanenkrieg und machte unmissverständliche Andeutungen zum unvermeidlichen amerikanischen Einmarsch. In einer berüchtigten Sendung Anfang November, als die Sowjets zum zweiten Mal und endgültig in Budapest einmarschierten, schienen die Ungarn zum Weiterkämpfen aufgefordert zu werden, da „der Druck auf die US-Regierung, den Freiheitskämpfern Truppen zu Hilfe zu schicken, unerträglich werden wird.“ Das Ergebnis war so blutig wie tragisch. Etwa 2700 Ungarn starben und 20 000 wurden verwundet. Hinterher erzählten Dutzende ungarischer Flüchtlinge den Mitarbeitern von Radio Free Europe, dass sie weitergekämpft hatten, weil sie jeden Moment den amerikanischen Einmarsch erwartet hatten. Und was noch schlimmer war: Der Aufstand, der wie ein Sieg über die antikommunistische Politik des Westens erschien, stärkte letztendlich die Macht der Kommunistischen Partei im Land. Er lieferte die Begründung, um zu harter Taktik und Terror zurückzukehren: Nach dem Ende der Kämpfe inhaftierte die ungarische Regierung rund 35 000 Menschen und verurteilte über 300 zum Tode. Zehntausende wurden ausgewiesen oder verloren ihre Arbeit.

Der Einmarsch stärkte auch, zumindest für das folgende Jahrzehnt, die Macht der Sowjetunion in Osteuropa. Mindestens so lange, bis der Prager Frühling 1968 kurz die Hoffnung wiederauferstehen ließ, zerstörte der ungarische Aufstand jede realistische Aussicht, dass der Ostblock von selbst auseinander fallen würde. Und die starke sowjetische Präsenz in Osteuropa kostete die USA und Westeuropa einen enormen Preis – wenn nicht an Menschenleben, dann doch wirtschaftlich gesehen. Fast ein halbes Jahrhundert lang bereiteten sich die Westmächte in Erwartung eines sowjetischen Angriffs von einem der östlichen Satellitenstaaten aus permanent auf einen Atomkrieg auf dem europäischen Kontinent vor. Milliarden wurden in Waffen, Spionage, versteckten Widerstand und Zivilverteidigung gesteckt. Besonders die USA zahlten einen hohen Preis in Form der Zentralisierung der amerikanischen Regierung sowie der Expansion des Verteidigungsapparates, beides Faktoren, die die amerikanische Wirtschaft viel Geld kosteten.

Natürlich gibt es keinen Grund, den USA und dem Westen die Schuld für den ungarischen Aufstand und den dadurch entstandenen Schaden zuzuschieben. Die Schuld liegt letztendlich bei den Sowjets und den ungarischen Kommunisten, die das repressive ungarische System installierten. Trotzdem ist es der Mühe wert, die Fehler zu betrachten, die der Westen 1956 gemacht hat, und zu fragen, ob rückblickend andere Entscheidungen hätten getroffen werden können. Auf jeden Fall hätten die CIA und ihre europäischen Kollegen, deren Schwächen unheimlich vertraut klingen, dazulernen müssen. Ohne Frage waren die westlichen Geheimdienste, die sich auf diplomatische Kontakte und Beobachtungen von außen verließen, auf einen Volksaufstand gar nicht vorbereitet: Niemand hatte daran gedacht, die öffentliche Meinung zu berücksichtigen. Niemand hatte auch nur eine Ahnung davon, wie man die öffentliche Meinung in einem totatlitären Staat beobachtet. Sie wissen es noch immer nicht.

Doch die Politik des Westens wies einen noch grundsätzlicheren Makel auf. Weder damals noch heute waren die Westmächte je in der Lage, den Konflikt zwischen ihrem Instinkt, Demokratie zu bringen, und ihrem Wunsch, stabile Verhältnisse zu bewahren, zu lösen. Obwohl der ungarische Aufstand 1956 vielleicht das klarste Beispiel für diesen Konflikt war, verfolgte die Politik des Westens auch nach dessen Ende ein halbes Jahrhundert lang weiter einen Zickzackkurs. Manchmal finanzierte und förderte der Westen den heimlichen Widerstand in Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei, in Ostdeutschland und dem restlichen Osteuropa. Dann wieder schienen westliche Staatsführungen die sowjetischen Besatzungsmächte zu legitimieren und liehen ihnen gar riesige Summen, mit denen sie in den Siebzigern ihre unzufriedenen Bürger bestechen konnten. Obwohl sich der Konflikt bis zu den Achtzigern teilweise von selbst gelöst hatte, könnte es sein, dass der Widerspruch zwischen westlicher Rhetorik und echten Absichten des Westens mitgeholfen hat, den Kalten Krieg unnötig lange hinzuziehen.

Und nun? Wieder einmal haben die USA, mit halbherziger europäischer Unterstützung, eine Politik der Demokratieverbreitung im Nahen Osten begonnen: in Ägypten, in Saudi Arabien, im Iran. Doch gleichzeitig haben Amerika und Europa ein klares wirtschaftliches Interesse an der Stabilität dieser Regimes. Genau wie 1956 ist es völlig unklar, ob die westlichen Staatsoberhäupter vorhaben, ihren Worten auch Taten folgen zu lassen. Der Aufstand in Ungarn fand vor 50 Jahren statt – doch trotz aller Trauerveranstaltungen, die beim Jahrestag in diesem Herbst abgehalten werden, ist nicht klar, ob irgendjemand daraus gelernt hat.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder.