“Das ist unamerikanisch”

Abu Ghraib beweist, dass keine Kultur unfähig ist, ihre Feinde als Untermenschen zu behandeln

Vor ein paar Jahren wurde in den Vereinigten Staaten ein Buch mit dem provozierenden Titel “Hitlers willige Vollstrecker” zum Überraschungserfolg. Offenbar wurden Amerikaner von der zweifelhaften These des Autors Daniel J. Goldhaben angezogen, die Ursprünge der nationalsozialistischen Todeslager hätten im Nationalcharakter der Deutschen und in der eigentümlichen Natur des deutschen Antisemitismus gelegen. Was in Deutschland geschah, deutete er an, hätte nirgendwo anders geschehen können. Jedenfalls bestimmt nicht in Amerika.
Selbstverständlich hat die Behauptung, Folter oder Massenmord könne nur in einer bestimmten Kultur geschehen, eine tiefe Anziehungskraft: Kein Wunder, dass sie so viele Male aufgestellt wurde – und über so viele Kulturen. Während jedes Gesprächs über die Sowjetunion wird immer irgendwann jemand behaupten, der sowjetische Totalitarismus komme aus der alten russischen Tradition der Zarenverehrung – als hätte die Sowjetunion ihre Konzentrationslager nicht in Gegenden exportiert, die so unrussisch sind wie Rumänien oder Nordkorea. Viele Menschen nehmen stillschweigend an, die Massenschlächterei von Ruanda hätte in einem “zivilisierteren” Land nicht geschehen können – einem Land wie Kambodscha etwa mit seiner uralten buddhistischen Kultur. Überblickt man die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, wird klar, dass jede Kultur zu grauenhaften Untaten imstande ist.
Die amerikanischen Soldaten und Zivilisten, die dafür verantwortlich sind, dass in den letzten Monaten irakische Gefangene im Gefängnis von Abu Ghraib bei Bagdad erniedrigt und möglicher Weise ermordet wurden, gehören nicht in dieselbe Kategorie wie Naziverbrecher oder sowjetische Lagerwächter, die Massenmorde begingen. Aber ihre Handlungen beweisen – wenn es denn eines weiteren Beweises bedurft hätte -, dass keine Kultur unfähig ist, ihre Feinde als Untermenschen zu behandeln. Tatsächlich ist es nicht schwer, eine Situation zu schaffen, in der Soldaten jeglicher Nationalität sich berechtigt fühlen, Kriegsgefangene zu misshandeln. Alles, was man dazu braucht, ist das Gefühl, dass die gewöhnlichen Regeln nicht mehr gelten, eine Situation, die formell als Abwesenheit der Rechtsstaatlichkeit bezeichnet wird.

In totalitären Gesellschaften ist die Rechtsstaatlichkeit per definitionem immer abwesend. Aber auch in Demokratien wird die Rechtsstaatlichkeit in Kriegszeiten oft ausgesetzt. Das ist schwerlich neu: Thukydides schrieb über den Krieg als eine Periode, in der die “Konventionen des menschlichen Lebens in Verwirrung geraten”, und dabei ist es geblieben.
Oder vielleicht sollte ich das anders ausdrücken: Dies ist schwerlich neu in den meisten Gegenden, außer in den Vereinigten Staaten. Nicht weniger als drei englische Bekannte, die in den USA zu Besuch waren, haben kürzlich Überraschung über das Ausmaß an Panik gezeigt, das in Washington vorherrscht, seit die Fotos aus Abu Ghraib veröffentlicht wurden. Der Kongress, das Weiße Haus, das Pentagon, das State Department, die Presse und alle Leute, die in Georgetown zu Cocktailparties gehen, sprachen zwei Wochen lang kaum von etwas anderem. An dem Tag, als Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor dem Senat über das Gefängnissystem vor dem Senat aussagte, konnte man seine Stimme aus Autofenstern und durch offene Bürotüren in der ganzen Stadt hören.
Bis zu einem gewissen Grad hat die Aufregung einen parteipolitischen Hintergrund, wie das im Jahr eines Präsidentschaftswahlkampfes nur natürlich ist. Wie zu erwarten, haben Kriegsgegner diese Bilder verwendet, um die Regierung zu verurteilen. Aber Politik allein erklärt nicht, warum dieses Ereignis solche Auswirkungen hat.
Der schlimmste Schmerz wütet auf der anderen Seite des politischen Grabens: Nicht die Gegner, sondern die Befürworter des Krieges fanden das Offenkundigwerden der Misshandlungen besonders quälend und redeten beinahe ausschließlich darüber.
Zum Teil ist das deswegen so, weil die Abwesenheit von Massenvernichtungswaffen bewirkte, dass die Rechtfertigung des Krieges immer mehr auf der Annahme basierte, unsere Soldaten seien im Irak, um das Land aus dem Griff des Totalitarismus zu befreien, irgendeine Form von Demokratie aufzubauen und auf lange Sicht zu helfen, die Wirtschaft und die Gesellschaften des Nahen Ostens zu liberalisieren. Der Anblick von Amerikanern, die Iraker im selben Gefängnis foltern, in dem auch Saddam Hussein Iraker folterte, zerstört die Glaubwürdigkeit dieses Arguments. Wenn das Leben nicht besser ist, warum sind wir dann dort?
Aber es gibt noch einen anderen, profunderen Grund, warum diese Bilder so sehr schockieren. Nachdem die Fotos veröffentlicht wurden, war Rumsfelds erste Reaktion: “Das ist unamerikanisch.” Als ein Senator aus Colorado Videos aus Abu Ghraib sah, die noch nicht veröffentlicht sind, wollte er wissen: “Wie zum Teufel sind diese Leute in unsere Armee gekommen?” Man mag das naiv oder süß finden, aber die Idee, dass Amerika eine Ausnahme und die USA moralisch besser seien als andere Gegenden, ist hier sehr tief verankert. Gewiss ist einer der Gründe, warum Amerikaner der Bush-Regierung und den Geheimdiensten so viel Freiraum im Krieg gegen den Terror gegeben haben, dass wir nicht glauben, unsere Armee und unsere Geheimdienste könnten das Vertrauen missbrauchen, das wir in sie setzen. Wir mögen ihnen besonders viel Macht gegeben haben, um Terroristen zu befragen, aber wir vertrauten darauf, dass sie diese Macht weise einsetzen würden.
Daher rührt der Ärger, der Rumsfeld von konservativen Schriftstellern und republikanischen Senatoren entgegenschlägt, darum wird von einem “Missbrauch des Vertrauens” geredet. Darum werden Wendungen wie “ein beschmutzter Einsatz” gebraucht, darum die qualvollen Interviews mit Soldaten im Feld, die das Verhalten von “ein paar dummen Soldaten niederen Ranges” anklagen und sich Sorgen machen, das Image der ganzen Armee könnte beschädigt sein. Darum auch der Aufruf, die Rechtsstaatlichkeit in irakischen Gefängnissen wiedereinzuführen, das sofortige Verbot von “Zwangsmaßnahmen”, die Forderung, jene nach allen Berichten wirklich sehr widerwärtigen Videos aus Abu Ghraib zu sehen, von denen viele zeigen, wie die Gefängniswärter Sex miteinander haben.
Niemand soll erstaunt sein, wenn dieser Zorn sich einige Zeit hält, und niemand soll seine Kraft unterschätzen. Immerhin hat Watergate, das in Europa als gewöhnlicher Wahlskandal heruntergespielt wurde, einst Richard Nixon zerstört. Die Andeutung einer Niederlage in Vietnam genügte, um Lyndon Johnson zu überzeugen, dass er besser nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren sollte. Wenn George W. Bush für einen neuerlichen Verlust des Glaubens der Nation an sich selbst verantwortlich gemacht wird, kann es sein, dass auch er nicht mehr sehr viel länger Präsident ist.
Aus dem Englischen von Hannes Stein.