Die vergessenen Millionen

Vor achtzig Jahren errichtete die Sowjetunion in Solowetzky den ersten Gulag. Millionen Menschen wurden in Lager deportiert, wo sie elend starben. Fast jede russische Familie ist betroffen. Dennoch will heute in Russland niemand etwas davon wissen.

Hoch oben, vom Glockenturm im hinteren Winkel des alten Klosters von Solowetzky, sind die Umrisse des gleichnamigen Arbeitslagers noch deutlich sichtbar. Das Wetter war klar, als ich den Turm bestieg. Im Süden sah ich den Hafen, der einst überfüllt von Gefangenen war, die während der kurzen Zeit, in der Schiffsverkehr im hohen Norden möglich war, täglich das Lager erreichten. Hinter den Hügeln und Häfen erstreckt sich die immense Weite des Weißen Meeres und die anderen Inseln der Solowetzky-Kette. Alexander Solschenizyn hat nicht bloß aus Zufall das Bild vom Archipel gewählt, um das sowjetische Lagersystem zu beschreiben. Solowetzky, das erste Lager, das als dauerhafte Einrichtung geplant und angelegt wurde, entstand in der Tat auf einem Archipel.

Solowetzky war auch das ursprüngliche Modell für jenen Ort, der später unter dem Namen Gulag Bekanntheit erlangte. Zwar begannen Lenin und Trotzki schon 1918 mit dem Bau von Konzentrationslagern für politische Häftlinge, doch das Fundament für die Umstrukturierung und Mechanisierung der Lager wurde in Solowetzky gelegt, wie auch die sowjetische Geheimpolizei in Solowetzky begann, sich die Arbeitskraft der Häftlinge für Staatszwecke zunutze zu machen. Und der Staat war stolz darauf: In einem 1945 verfassten und für die Ausbildung von neuen Lagerkommandanten vorgesehenen Artikel schrieb ein hoch stehender NKWD-Repräsentant, dass „Zwangsarbeit als ein Mittel zur Umerziehung“ 1926 in Solowetzky begann. Das heißt, dass sich im Jahr 2006 die Gründung der Gulags zum achtzigsten Mal jährt.

Zumindest ein Teil der Erklärung, warum und wie Solowetzky das erste Lager des Gulags wurde, rankt sich um die Person von Naftali Aronowitsch Frenkel, einen Gefangenen, dessen Identität schon zu dessen Lebzeiten sagenumwoben war. Solschenizyn hielt ihn für einen türkischen Juden, der in Konstantinopel geboren worden sei, ein anderer für einen Fabrikanten aus Ungarn. Letzte Klarheit verschafft Frenkels Häftlingskarte, auf der vermerkt ist, dass er 1883 in Haifa geboren wurde, also zu einer Zeit, als Palästina Teil des Osmanischen Reichs war. Von dort kam er über das Schwarze Meer in die Sowjetunion und wurde 1923 wegen „illegalen Grenzübertrittes“ verhaftet. Man verurteilte ihn zu zehn Jahren Zwangsarbeit auf den Solowetzky-Inseln.

Wie genau Frenkel die Metamorphose vom Gefangenen zum Lagerkommandanten bewerkstelligte, bleibt ungeklärt. Der Legende zufolge sei er bei seiner Ankunft im Lager über die schlechte Organisation derart schockiert gewesen, dass er einen langen Brief verfasst habe, der detailliert beschrieb, wo das Problem bei jedem einzelnen Wirtschaftszweig des Lagers – der Forstwirtschaft, der Landwirtschaft und der Ziegelbrennerei – lag. Angeblich erregte der Brief die Aufmerksamkeit eines Beamten der Lagerverwaltung, der wiederum ließ den Brief Stalin zukommen. Daraufhin bestellte Stalin Frenkel nach Moskau, wo dieser seine Vorstellungen erklärte.

Wir wissen, dass Frenkel die Wirtschafts- und Handelsabteilung des Solowetzky-Gulags nicht nur aufbaute, sondern später auch leitete und versuchte, die Lager zu gewinnbringenden Unternehmen umzustrukturieren. Er teilte die Häftlinge ihrem körperlichen Zustand nach in drei Gruppen ein: für Schwerarbeit, für leichte Arbeit und in Invaliden. Jede Gruppe erhielt eigene Aufgaben und Arbeitsnormen. Dementsprechend wurde die Verpflegung eingeteilt. Einer im Zeitraum von 1928 bis 1932 erstellten Tabelle zufolge erhielt die erste Gruppe 800 Gramm Brot und 80 Gramm Fleisch, die zweite Gruppe 500 Gramm Brot und 40 Gramm Fleisch, die dritte Gruppe 400 Gramm Brot und 40 Gramm Fleisch.
In der Praxis lief dieses System darauf hinaus, dass nur zwei Häftlingskategorien übrig blieben: die mit und die ohne Überlebenschancen. Infolge der relativ guten Versorgung gewannen die körperlich Kräftigen noch an Kraft. Die Schwachen hingegen wurden bei der schlechten Ernährung immer schwächer, erkrankten und starben bald.

Stalin blieb bis zu seinem Tod begeistert von der Sklavenarbeit. Sogar in seinen letzten Lebensmonaten verlangte er Berichte über die Minen von Kolyma. Bis zuletzt erreichten ihn diese Berichte regelmäßig, jeder enthielt eine detaillierte Auflistung der vierteljährlichen Gulag-Gold-Produktion.

Achtzig Jahre danach wissen wir, wie teuer dieses Gold erkauft wurde, kennen wir den wahren Preis des Gulag-Systems. Zwischen 1926 und 1953, Stalins Todesjahr, sollten in der Sowjetunion etwa 18 Millionen Menschen im Gulag interniert werden. Weitere sechs bis sieben Millionen wurden in Exil-Dörfer des hohen Nordens zwangsdeportiert. Millionen erkrankten, Millionen kamen um. Millionen Biografien wurden durch die Internierung eines Elternteils, eines Kindes oder eines Ehepartners zerstört. Die Lager trugen maßgeblich zu dem Klima von Angst und Paranoia bei, von dem das Leben in der Sowjetunion geprägt wurde, und beförderten auch den Verfall der sowjetischen Volkswirtschaft, da ganze Völker und Industriezweige in den unwirtlichen Weiten des Nordens neu angesiedelt wurden.

Hält man sich den verheerenden Einfluss des Gulags auf die Geschichte der Sowjetunion und seiner Menschen vor Augen, stellt sich die Frage, weshalb über das Erbe des Gulags im heutigen Russland so wenig diskutiert und gesprochen wird. Wenn sich in diesem Jahr die Gründung des Solowetzky-Lagers zum achtzigsten Male jährt, weshalb wird an dieses Datum nicht erinnert? In Russland gibt es zwar wenige, verstreute Gulag-Gedenkstätten, doch bis heute kein nationales Mahnmal, keine zentrale Trauerstätte. Schlimmer noch, zwanzig Jahre nach Glasnost, 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der Gulag aus der öffentlichen Diskussion völlig verschwunden.

Das war nicht immer so. Während der achtziger Jahre, die Glasnost-Bewegung befand sich noch in den Anfängen, verkauften sich die Memoiren von Gulag-Überlebenden millionenfach; Zeitungen, die mit einer neuen Enthüllung über die Vergangenheit aufmachten, waren im Nu vergriffen. In jüngster Zeit erhalten historische Untersuchungen mit vergleichbaren „Enthüllungen“ entweder ungnädige Kritiken oder sie werden totgeschwiegen. In gewisser Weise lassen sich die Gründe dafür sogar nachvollziehen. Die Stalin-Ära liegt weit zurück, viel ist seit ihrem Ende geschehen. Das postsowjetische Russland lässt sich nicht mit Post-Nazi-Deutschland vergleichen, wo die begangenen Gräueltaten die ganze Nation beschäftigten. Die Erinnerung an den Gulag wird in Russland ferner durch zahlreiche andere schreckliche Erfahrungen überlagert: Krieg, Hunger und Zwangskollektivierung.

Oft werde ich in Russland gefragt: „Warum sollten die Gulag-Opfer eine Sonderbehandlung erfahren?“ Manche verknüpfen den Gulag mit den nach ihrer Ansicht wirren wirtschaftlichen Veränderungen der neunziger Jahre und fragten mich deshalb: „Wo hat uns diese Phase hingeführt?“

Und natürlich ist es auch eine Frage des Stolzes. Mag das alte System, denken viele Russen, auch noch so viele Schwächen gehabt haben, wenigstens war das Land damals eine Weltmacht. Jetzt aber, da die alte Macht geschwunden ist, wollen sie nichts von den Fehlern des alten System hören.

Die wichtigste Erklärung für das Ausbleiben einer öffentlichen Debatte liegt allerdings nicht in den Ängsten und Sorgen des gewöhnlichen Russen. Weitaus schwerer wiegt die Tatsache, dass Russland derzeit von ehemaligen KGB-Offizieren regiert wird, also den direkten Nachfolgern der ehemaligen Gulag-Verwalter. Stolz bezeichnet sich Präsident Putin selbst als „Tscheckisten“, und verwendet damit den Begriff für Lenins politische Schutzpolizei, aus der später der KGB entstanden ist. Auch wenn Putin niemals persönlich ein Gulag-Lager geleitet haben mag, kann ihm an einer detaillierten Untersuchung seiner vormaligen Verbindungen dennoch nicht gelegen sein: Bis heute könnte Putins Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sein angestrebtes Image als moderner, fortschrittlicher Staatsmann nachhaltig beschädigen.

Für Russlands Weigerung, den Millionen Opfern des Gulags eine nationale Gedenkstätte zu errichten, gibt es unzählige Ausreden. Die einleuchtendste hörte ich von Alexander Yakovlev, dem großen Intellektuellen und Vordenker der Glasnost-bewegung: „Eines Tages“, sagte er, „wird diese Gedenkstätte gebaut werden, aber erst, wenn keiner von uns, keiner von der älteren Generation mehr am Leben ist.“

Tragischerweise beeinträchtigt die Weigerung, sich der Vergangenheit zu stellen, auch die derzeitige Entwicklung des Landes, vor allem was den Aufbau einer russischen Zivilgesellschaft und des Rechtsstaates betrifft. Schließlich durften die ehemaligen Lagerkommandeure ihre Wohnungen, ihre Landhäuser und großzügigen Pensionen bis heute behalten. Die Opfer des Gulags aber sind arm geblieben und finden sich am Rand der Gesellschaft wieder. Den meisten Russen muss es deshalb so erscheinen, als sei der Weg der Kollaboration auch der Weg der Weisheit gewesen. Ihr Analogieschluss für die Gegenwart lautet: Je mehr du heute betrügst und lügst, umso klüger bist du.

Blickt man tiefer, so haben Teile der Gulag-Ideologie auch in dem Verhalten und in der Weltsicht der neuen russischen Elite überlebt. Das alte stalinistische Denkmodell, nach dem die Menschheit in zwei Kategorien aufzuteilen sei, in „allmächtige Eliten“ und „wertlose Feinde“, lebt heute in der arroganten Gleichgültigkeit fort, die Russlands Neureiche ihren Mitbürgern entgegenbringen.
Die Weigerung, sich zu erinnern, zeitigt aber auch wesentlich konkreter spürbare Konsequenzen. So bietet Russlands Versagen vor der Geschichte auch eine Erklärung für die erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber bestimmten Formen der Zensur sowie der starken Präsenz der heutigen Geheimpolizei (FSB). Die meisten Russen kümmert es kaum, dass die FSB ihre Post kontrolliert, ihre Telefonleitungen überwacht und ohne Durchsuchungsbefehl in ihre Wohnungen eindringen darf. Genauso wenig, wie sie sich an dem ganz gewöhnlichen Horror ihrer Gerichtsbarkeit zu stören scheinen.

Im Jahre 1998 besuchte ich das Zentralgefängnis von Archangelsk – einstmals eine Hauptstadt des Gulag-Systems. Das Gebäude wurde vor der Stalin-Ära erbaut und schien seither so gut wie unverändert. Als ich die kalten Steinmauern entlangschritt, begleitet von einem schweigsamen Wärter, war es mir, als seien wir beide zu Figuren jener unzähligen Gulag-Memoiren geworden, die ich gelesen hatte. Die Zellen waren überfüllt und stickig, die Wände feucht, die sanitären Anlagen primitiv. Der Gefängnisleiter zuckte mit den Schultern. „Es liegt am Geld“, sagte er. Die Flure seien dunkel, weil Elektrizität teuer sei, die Gefangenen müssten Wochen auf ihre erste Anhörung warten, weil die Richter schlecht bezahlt würden. Er überzeugte mich nicht. Geld ist ein Problem, aber es erklärt nicht alles. Wenn die russischen Gefängnisse noch immer so aussehen wie zu Stalins Zeiten, wenn russische Gerichte und die Strafverfolgung noch immer eine Farce sind, so hängt das auch damit zusammen, dass das Erbe des Sowjetsystems keine Spuren im Gewissen der Verantwortlichen hinterlassen zu haben scheint, genauso wenig wie im Gewissen der russischen Richter, der russischen Politiker oder der Wirtschaftsführer.

Nur wenige Menschen im heutigen Russland empfinden die Vergangenheit als eine Belastung, gar als eine Verpflichtung. Die Vergangenheit wird vergessen wie ein böser Traum oder weitergeflüstert wie ein Gerücht, an das niemand glauben will. Die Vergangenheit liegt verschlossen in einer großen, ungeöffneten Büchse der Pandora. Sie wartet darauf, von der kommenden Generation geöffnet zu werden.