Die Macht der Worte

In Erinnerung an Alexander Solschenizyns Gulag.

Obwohl mittlerweile drei Jahrzehnte vergangen sind seit jenem Winter 1974, als erste ungebundene, handgetippte Samisdat-Manuskripte des “Archipel Gulag” in der damals sogenannten Sowjetunion zu zirkulieren begannen, sind die Gefühle immer noch stark. Jeder Leser hatte 24 Stunden Zeit, das umfangreiche Manuskript zu lesen – die erste historische Abrechnung mit dem sowjetischen System der Konzentrationslager. Nach einem Tag dann musste das Buch weitergereicht werden. Das bedeutete, dass man einen ganzen Tag und die ganze Nacht gefesselt blieb von Solschenizyns Prosa. Eine Erfahrung, die keiner je vergessen würde.
Diese ersten Leser erinnern sich noch heute genau, wer ihnen damals das Buch gab, wer noch von ihm wusste, und an wen sie es nach Lektüre weitergaben. Sie erinnern sich noch haargenau an die Geschichten, die sie am meisten erregten und berührten – die Erzählungen über die kleinen Kinder im Lager, die Spitzel, die Wachen. Sie wissen heute noch, wie sich das Buch anfühlte – die verwischte, mimeografierte Schrift, die Eselsohren, sie erinnern sich an den schwachen Schein der Lampe des Nachts.
Solschenizyn übte eine so starke Faszination auf seine Leser aus, weil er berühmt und doch tabuisiert war. “Ein Tag im Leben von Iwan Denissowitsch”, eine Erzählung über die stalinschen Lager, das zwölf Jahre früher erschienen und sofort wieder verboten war, war eine Sensation. Zu ehrlich für die damalige Führung der UdSSR. Seine Bücher in all ihrer Mischung aus Autobiografie, Polemik und Gefühl waren – da Solschenizyn ja keinen Zugang zu den Geheimarchiven haben konnte – eine Interpretation der Geschichte. Sie widerlegte die Auffassung vieler, dass es sich bei Massenverhaftungen und Lagern um Einzelfälle handelte. Er sagte, das seien Bestandteile des Systems – von Anbeginn an. Diese Botschaft konnte niemand mehr abtun als Fantasterei eines Einzelnen. Das Buch war so bedrohlich, dass ein europäischer Linker wie Jean-Paul Sartre Solschenizyn als “gefährliches Element” bezeichnete.
In einer manchmal unerträglich leichten Welt, in der die Nachrichten im Minutentakt purzeln und die Bilder so schnell versendet werden, wie sie entstehen, begreift man, wie machtvoll noch immer das geschriebene Wort ist. Solschenizyns Worte zwangen Menschen, tiefer über ihre Werte und ihre Gesellschaften nachzudenken. Es war das geschriebene Wort, das die Geschichte änderte. Millionen Sowjetbürger erkannten sich. Sie lasen seine Bücher, weil sie schon vorher wussten, dass sie wahr waren.